ISBN: 978-3-630-87667-2, Luchterhand, 2021, 416 Seiten, 22,00 €

Das Buch der Stunde. Ein zutiefst menschenfreundliches Werk.

Juli Zeh kehrt in ihrem neuen Roman Über Menschen in den Kosmos von Unterleuten zurück. Sezierte sie dort das Zusammenleben zwischen Dörflern und Städtern auf teilweise sarkastische und thrillerhafte  Weise, dringt sie im neuen Buch fast liebevoll in das Innerste vor, zu den zutiefst menschlichen Schwächen und Ängsten, dem Zerrissensein zwischen Anspruch und Wirklichkeit, noch dazu in Zeiten der Pandemie und der Stadtflucht, die diese auch hervorbringt. Wir haben gar nicht genug Arme, um uns an den Kopf zu fassen, die Haare zu raufen, abzuwinken, aber auch, um in dieselben genommen und lachend untergehakt zu werden.

Dora kommt nicht mehr mit.

Dora, gefragte Werbetexterin, Workaholic, im beschaulichen Münster aufgewachsen, nun ein Fremdkörper in Berlin, kommt nicht mehr mit. Eben war alles noch voll und schnell, schön anonym  und massentauglich. Und nun: Stillstand, Zeitfenster weit geöffnet, Spot an, auf das Individuum. SARS-CoV-2 bricht aus und damit auch Dora; und zwar aus ihrer nicht nur durch das Virus dogmatisierten Beziehung zu Robert. Sie landet irgendwo im brandenburgischen Nirgendwo,  zusammen mit ihrer Hündin Jochen. Wird von Laut auf Leise, aus der Endlosschleife auf die Stopptaste katapultiert. Direkt ins alte Gutsherrenhaus, das sie heimlich gekauft hatte und dessen Geschichte sie allmählich aufdeckt.

„Sie wusste, dass sie das Haus brauchte. Dringend. Als Idee, als mentale Überlebenstechnik. Als hypothetischen Notausgang aus dem eigenen Leben.“

Dora erkennt am zeitweisen Kribbeln ihres Körpers, als ob er mit Kohlensäure gefüllt sei, dass ihr wohl das grundsätzliche Lebenstalent fehlt. Die Gründe dafür scheinen in ihrer Kindheit und in dem unverarbeiteten Tod ihrer Mutter zu liegen. Doch eine Flucht aus dem Alten war noch nie ein Garant fürs Ankommen im Neuen. Man schleppt alles mit. Das, was in Berlin von zu vielen Möglichkeiten überdeckt wurde, klafft hier in der Einöde, im Zurückgeworfensein auf sich selbst wie eine offene Wunde.

Und was in der Großstadt die Anonymität ist, heißt auf dem Land Nachbarschaft.

Gewachsene Strukturen, die man mitkauft, die man sich nicht unbedingt aussucht. Hätte sie sich erkundigt, wäre Dora niemals neben Gote eingezogen, dem Trinker, dem Rechtsradikalen, der die gefürchteten Eigenschaften nicht nur verkörpert und auslebt, sondern auch genauso aussieht, wie man sich den Dorf-Nazi vorstellt. 

Aber es gibt auch mindestens ein Geheimnis hinter Gote und viele Charakterzüge, die sich nicht zu einem eindeutigen Bild fügen und damit eine pauschale Verurteilung erschweren. Er grölt nicht nur das Horst-Wessel-Lied, er baut Dora auch Gartenmöbel, er vernachlässigt nicht nur seine kleine Tochter Franzi, er liebt sie auch von ganzem Herzen und wird zurückgeliebt. So sehr sich Dora über ihn ärgert und sich manchmal vor ihm ängstigt, abends rauchen sie dennoch eine Zigarette zusammen über die gemeinsame Gartenmauer hinweg. Sie ertappt sich dabei, den Namen Gote im Zusammenhang mit dem Wort Freund zu denken.

Auf der Seite des Verlags Penguinrandomhouse beantwortet Juli Zeh Fragen zu „Über Menschen“.

Gote und auch das Dorf mit seinen widersprüchlichen Urtypen fordern Dora heraus, holen sie aus ihrem Schneckenhaus, bringen ihr vorsortiertes Weltgefüge ins Wanken, beantworten ihr „Eigentlich“ und „Unmöglich“ immer mit einem „Trotzdem“. Zu welcher Stärke Dora schließlich aufläuft und warum aller Augen in Sachen Zusammenhalt auf sie gerichtet sind, soll hier nicht vorweggenommen werden. Dass es uns bewegt, amüsiert und womöglich zu Tränen rührt, schon.

Kostbarster Unterricht im Fach Toleranz. Ohne Holzhammer.

Über Menschen stellt unser Weltbild auf den Kopf. Wir sind gefordert, Stellung zu beziehen. Wir lernen. Lernen in Nuancen zu denken, in vielen Abstufungen zwischen Schwarz und Weiß. Dass dies ohne Bevormundung, ohne Anstrengung und mit viel Humor gelingt, ist das große Verdienst der Autorin, die weiß, wovon und von wem sie spricht: sicher nicht von Übermenschen. Als promovierte Juristin und aufgrund ihres langen gesellschaftlich-politischen Engagements wurde sie im letzten Jahr zur Richterin ans Brandenburgische Verfassungsgericht berufen.

Leserinnen und Leser der Gemeindebücherei Simmerath können Über Menschen direkt vormerken. Und hier gibt’s weitere Titel von Juli Zeh. Im Online-Katalog findet man natürlich noch mehr Lieblingsbücher.

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